Interview mit Journalist und Juror Peter Kümmel

Jedes Jahr im März wird im Rahmen der Eysoldt-Ring-Verleihung am Parktheater Bensheim der Kurt-Hübner-Preis für Regie vergeben.
Der Journalist Peter Kümmel war in den vergangenen Jahren für die Auszeichnung und Begründung verantwortlich. Wir haben ihm zu dieser Aufgabe ein paar Fragen gestellt.

Welche Kriterien haben Sie bei der Auswahl angewendet?

Die Kriterien sind dabei wahrscheinlich immer subjektiv. Für mich ist entscheidend, ob ich mich unterhalten fühle, ob ein künstlerisches Konzept aufgeht und in dem Fall hat mich sehr fasziniert, was Nora Abdel-Maksoud alles kann und macht. Dass sie eine witzige und gewiefte Schauspielerin ist, dass sie Autorin und Regisseurin ist und dadurch versucht, eine gewisse Autonomie zu leben.

Bei der aktuellen Debatte über Machtmissbrauch am Theater – Regisseure deckeln Schauspieler, Intendanten deckeln Regisseure und das in einem Institut, in dem es vermeintlich die ganze Zeit um Freiheit geht, zeigt die derzeitige Situation wie es permanent um die große Unfreiheit geht.

Nora Abdel-Maksoud findet ihren eigenen Weg um das aktuelle Problem zu thematisieren. In ihrem Stück The Making Of stellen sich die Spieler als Schauspieler in einem Making Of über einen Film immer wieder die Fragen „Wieso bin ich in diesem freiesten aller Berufe eigentlich so verdammt unfrei? Wieso vergleiche ich mich ständig mit den anderen? Wieso bettle ich andauernd um Liebe, sowohl gegenüber dem Zuschauer, als auch dem Regisseur oder den Kollegen?“

Es geht ständig darum, besser und beliebter sein zu wollen, als die anderen.
Das Stück ist knallig und oberflächlich, aber auf eine Art, die mir einleuchtet und in diesem Kontext absolut aufgeht.
Nora Abdel-Maksoud schafft es in ihrem Stück aber auch als Person den Fallstricken des Theaters Paroli zu bieten.

Was macht für Sie gutes Regietheater aus?

Das kann ich nur an Hand eines konkreten Stückes sagen. Ich habe tatsächlich in einer Art Selbstbefragung versucht für mich eine Liste zu erstellen an welchen Kriterien ich gute Regiearbeit ausmache, aber es gelingt mir kaum.

Jede Stimmlage, jede Farbe auf der Bühne im Spiel wie im Konzept, beeinflusst mich, wie ich ein Stück sehe.
Es ist ein Gemisch von Leuten, die ihr Bestes zusammenfügen, ein Mischkunstwerk an dem mindestens zehn oder an großen Theatern 30-40 Personen beteiligt sind.
Natürlich spielt der Text oder der Stoff eine große Rolle aber eine pauschale Angabe kann ich immer nur an Hand eines konkreten Falls machen.

Ich denke es funktioniert im Theater auch nicht wie bei einem Hausbau, wo man sagt ein Dachboden muss geräumig sein, ein Fundament stark, das ist am Theater nicht einlösbar. Je länger ich über Theater schreibe, desto weniger kann ich darüber sagen, was für mich gutes Theater ausmacht.

Was hat Sie an der Arbeit von Nora Abdel Maksoud besonders nachhaltig beeindruckt?

Der Witz des ganzen Abends. Der Witz könnte manch anderen furchtbar auf den Wecker gehen. Es geht fast in die Richtung eines Comics, die Spieler schälen sich permanent aus Masken heraus, sind ständig jemand anderes, sprechen mit verstellten Stimmen, wie in einem Monsterfilm.
Es werden Bezüge zu Aktualitäten des vergangenen Jahres hergestellt, es gibt sich als Schnellschuss und fußt nicht auf klassischer Gültigkeit und Wahrheiten.
Wie ein Kommentar zu einer Phase, die nicht mehr ganz aktuell ist, was aber dem ganzen keinen Abbruch tut. Es wurde schnell geschrieben, vermute ich, aber das macht den Charme und den Reiz aus.

Haben Sie einen Tipp für junge Kritiker?

Meine Empfehlung: viel lesen! Kritiken lesen, nach Autoren forschen. Gerade Kritiker aus vorigen Jahrhunderten lesen. Wie beschreibt jemand einen Vorgang auf der Bühne. Wie benutzt er/sie die Sprache.
Kritikerkollegen wie z.B. Polga, Musil, Kerr und Fontane -der hat auch Kritiken geschrieben- lesen und verstehen lernen.

Eine Kritik ist ein Übersetzungswerk, ich muss etwas übersetzen, was ich in Karlsruhe oder Köln gesehen habe, für Zuschauer, die das Stück nie sehen werden.
Ich muss an Hand dieser Beschreibung ein Stück vor meinem inneren Auge sehen- wie Hamlet die Hand hebt und die Finger spreizt, durch die Beschreibung von z.B. Robert Musil, dann ist die Kritik gelungen und hat ewige Gültigkeit.

Theater ist für mich…

Die Schule des Lebens.
Wenn ich den gleichen Blick im Schauspiel wie in der Oper anwende, hilft mir das. Man erkennt ganz viele Dinge des Lebens.
Zwei Geschäftsmänner, die ich im Alltag erlebe, stelle ich mir auf einer Bühne vor und plötzlich geht mir ein Licht auf.

Schauspieler sind…

Extrem mutige Menschen. Ich habe einen Grundrespekt vor Schauspielern und der wird mir immer bleiben. Sie gehen jeden Abend in eine Fremde raus, wo 500 Leute, die ihnen vielleicht gar nicht wohl gesonnen sind, sitzen und die müssen sie irgendwie rumkriegen. Ohne den Schauspieler gäbe es kein Theater, deshalb verdienen sie unser aller Respekt und Anerkennung.

 

Wir brauchen künstlerische Formen mehr denn je weil…?

Die Frage zwingt mich affirmativ zu antworten weil sie suggestiv ist. Ich überlege ob das überhaupt so ist.
Denn die ganzen jungen Menschen um mich herum machen ihre eigenen künstlerischen Formen. Machen ihre eigenen Filme, Videos mit ihren Smartphones.
Daher stellt sich mir die Frage ob diese künstlerische Formen überhaupt überleben werden. Viele Künstler zweifeln daran.
Denn die Kunst kann heute in jedem Iphone stattfinden.

Alexander Kluge hat mal gesagt: „Theater ist Öffentlichkeit unter Anwesenden“ im Gegensatz zum Fernsehen, wo der nächste Kilometer entfernt im nächsten Wohnzimmer sitzt, sitzen wir im Theater alle gemeinsam.

Das möchte ich nicht missen, wenn sich die Kunstform Theater auflösen würde, dass man mit 100 anderen eine Situation, die eigene Unsichtbarkeit, gemeinsam erlebt.

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Beitrag: Marie Helene Anschütz
Foto: Berthold Mäurer

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