Schülerkritik ELLBOGEN

Heute gibt es wieder eine Rezension aus der Feder zweier Schüler unseres Schülerprojekts THEATERKRITIK. Die Schüler des Kurfürstlichen Gymnasiums Bensheim haben sich mit der Düsseldorfer Inszenierung ELLBOGEN befasst.

„Ich bin doch kein Opfer du Fotze!“ Dieser Satz fällt am Dienstagabend im Bensheimer Parktheater nicht nur einmal. Denn dort führte das Düsseldorfer Schauspielhaus im Rahmen der „Woche junger Schauspieler“ die erste Gastspiel von Ellbogen auf, dem Debütroman der taz-Redakteurin Fatma Aydemir, in dem wir Hazal, einer jungen Türkin aus Berlin Wedding, auf ihrer verzweifelten Suche nach Identität und Zugehörigkeit begleiten, mit ihr lachen, leiden und sie zu verstehen versuchen.

Der am Anfang stehende Satz ist exemplarisch für die schonungslose Brutalität, mit der Ellbogen die soziale Realität der aus fehlgeschlagener Integration und gesellschaftlicher Ausgrenzung entstandenen Parallelgesellschaft beschreibt, in der Hazal aufwächst. Ihre islamisch-konservative Familie und die Verachtung, die ihr tagtäglich auf den Straßen Berlins entgegenschlagen, bestimmen ihr Leben. Einen richtigen Job hat sie, trotz zahlreicher Bewerbungen, nicht; zur Schule geht sie schon lange nicht mehr. Die allgegenwärtige Hoffnungslosigkeit ihrer Welt, in der es unmöglich scheint, eine geregelte Bahn einzuschlagen, liegt drückend über allem. Einen Ausweg aus allem findet Hazal nur bei ihren Freundinnen, Elma, Gül und Ebru, mit denen sie kifft, shoppen geht und die Nächte durchmacht, oder im Internet, bei ihrer Online-Bekanntschaft aus Istanbul, Mehmet.
Die Handlung beginnt kurz vor ihrem achtzehnten Geburtstag, an dem Hazal eigentlich nur mit ihrer Clique feiern möchte, um ein wenig vor ihrer neu gewonnen Freiheit zu fühlen, oder sich zumindest für eine Nacht dem Zugriff ihrer Eltern zu entziehen. Doch was als eine Nacht voller Spaß und Drogen anfängt, kippt abrupt, als die Mädchen von der Tür eines angesagten Nachtclubs abgewiesen werden. Auf einen Schlag entladen sich der ganze Frust, die Ungerechtigkeit und die Gewalt, die die Mädchen Jahre lang erlebt haben in einem einzigen Moment und die Freundinnen begehen ein grausames Verbrechen. Es wirkt wie ein Aufschrei, die zwingende Konsequenz aus ihrem vorgeschrieben scheinenden Lebenslauf.

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(c) Lucie Jansch

Regisseur Jan Gehler inszeniert das mit präzisen Mitteln, es gelingt ihm, die Brutalität der Thematik nicht nur im Sprachlichen, sondern in jeder Phase des Stücks widerzuspiegeln. Das minimalistische Bühnenbild wirkt hier besonders gut, da die wenigen genutzten Mittel so noch eindringlicher sind. Ob gleißendes Licht, Techno-Musik oder ein tiefes Dröhnen, das unheilvoll aus den als Podest übereinandergestapelten Lautsprechern klingt. Gehler versteht es, beim Zuschauer immer genau die richtigen Emotionen hervorzurufen, damit das Stück auf der Bühne funktioniert.
Den bei weitem größten Anteil leisten dabei jedoch die vier jungen Schauspielerinnen, die mit Leichtigkeit von einer Rolle in die andere schlüpfen und vom Dealer aus dem Kiez bis zum Istanbuler Polizeibeamten jede Figur glaubwürdig verkörpern können.
Die vier Frauen wirken wunderbar als Team zusammen – was sie auch müssen, denn in der ersten Hälfte des Stücks übernehmen sie zusammen die Funktion des Ich-Erzählers. Manchmal im Chor, manchmal versetzt oder abwechselnd tragen sie dem Publikum die harten Sätze Aydemirs vor und beweisen dabei außerordentliches Gespür für einander. Ihr Schauspiel funktioniert zusammen, ein Satz fügt sich in den anderen, jede Geste wirkt aufeinander abgestimmt. Nur in seltenen Momenten kommen die vier kurz aus dem Takt und der Zuschauer wird ein wenig aus dem Bann der Inszenierung geworfen.
In der zweiten Hälfte des Stücks, nach der Gräueltat, die Hazal und ihre Freunde begehen, in der Hazal aus Deutschland geflohen ist und Zuflucht bei Mehmet im in ihrer Wahrnehmung utopischen Istanbul sucht, ändert sich jedoch die Erzählweise. Die Regie vollzieht den Bruch, der in der Geschichte und in Hazals Persönlichkeit passiert konsequent und setzt ihn mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln um. Die Musik verschwindet fast gänzlich, das Bühnenbild wird nach hinten gezogen und Hazal wirkt nun sehr einsam und verletzlich. Cennet Rüya Voß‘ die Hazal spielt, bleibt von da an den Rest des Stücks alleine auf der Bühne, sie muss die gesamte Handlung tragen und kann nicht mehr auf die Hilfe ihrer Schauspielkolleginnen zurückgreifen, um dem Zuschauer einen Einblick in Hazals Persönlichkeit zu gewähren und ihm die Möglichkeit zu geben, sie zu verstehen – und das ist nicht einfach. Denn Hazal weigert sich zu bereuen.
Hazal ist nicht bereit, die Schuld an dem begangenen Verbrechen auf sich zu nehmen, sie glaubt nicht, dass sie anders gekonnt hätte, dass irgendjemand anders gekonnt hätte, als zu tun, was sie getan hat.
Voß‘ gelingt es, Hazals Wut auf die deutsche Mehrheitsgesellschaft und letztlich auf die ganze Welt glaubhaft zu spielen und macht es dem Zuschauer so möglich, sich in ihre Lage hineinzuversetzen. Und es zwingt diesen dazu, sich selbst die Frage zu stellen, was er getan hätte. Hätte er anders gehandelt, moralischer, wenn er vergleichbares erlebt hätte?

Letztlich stellt Ellbogen an den Zuschauer dieselben Fragen wie die großen Dramatiker vergangener Zeiten wie Büchner oder Brecht. Kann der Mensch gut sein? Kann er für das verantwortlich gemacht werden, wozu ihn sein Leben und Umfeld gemacht haben?
In Ellbogen werden sie nicht so direkt formuliert wie beispielsweise in Brechts Gutem Menschen von Sezuan, den eine Woche zuvor das Ensemble der Berliner Schaubühne aufführte, doch das müssen sie auch nicht. Das Stück nimmt den Weg über Sprache und Art der Darstellung, um das Publikum nach dem Stück zum Diskurs anzuregen und zu Nachdenken zu bringen. Diese Rechnung geht auf.

 

Kritik von Kevin Fung u. Luc Châtelais
Foto: Lucie Jansch

 

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