Interview mit Intendantin und Jury-Vorsitzenden Barbara Frey

Jedes Jahr verleiht die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste den Gertrud-Eysoldt-Ring an eine Schauspielerin oder einen Schauspieler für herausragende schauspielerische Leistungen.

Für das Jahr 2017 erhält ihn die Österreicherin Sophie Rois.
Eine dreiköpfige Expertenjury tagte über die Entscheidung. Heute haben wir die Intendantin des Zürcher Schauspielhauses und Juryvorsitzende Barbara Frey im Interview und befragen sie zu ihrer Aufgabe, nach ihren Kriterien und einer sehr wichtigen aktuellen Debatte. 

Liebe Barbara Frey, welche Kriterien haben Sie bei der Auswahl angewendet?

Die Kriterien bei dieser Auswahl sind subjektiv. Auch wenn ein Kritiker eine Kritik über ein Stück schreibt, ist das subjektiv. Es hat etwas Absolutistisches, man ergreift Partei, man wählt eine oder einen aus und alle anderen nicht.
Ich hatte die Freiheit mir als Juryvorsitzende zwei Leute mit ins Boot holen zu können: Juliane Köhler, Schauspielerin vom Ensemble des Residenztheaters in München und meinen Intendantenkollegen Ulrich Khuon vom Deutschen Theater Berlin.
Und dann habe ich Sophie Rois einfach vorgeschlagen!
Sie hat die Rolle der Hexe im Faust von Castorf an der Volksbühne ganz bezaubernd gespielt. Und obwohl das ein relativ kleiner Auftritt an diesem sieben-Stunden-Abend ist, so ist dieser kurze Auftritt eben schon die pure Sophie Rois. Sie könnte auch zehn Sekunden in einem 24-Stunden-Abend auftreten und jeder würde sich an sie erinnern.

Grundsätzlich hat alles was sie macht auf der Bühne Qualität, Wärme, Witz, Anarchie und Formgenauigkeit. Das fasziniert mich an ihr. Hinzu kommt das Ende der Ära Volksbühne, die sie 25 Jahre prägte und wo sie zum Ensemble gehörte.

Wir haben auch über andere Schauspieler gesprochen, vor allem auch über jüngere Kolleginnen und Kollegen. Aber im Zusammenhang mit dem Ende eines epochemachenden Theaters wie der Volksbühne und einer solchen Protagonistin haben wir dann gemeinsam entschieden Sophie Rois den Gertrud-Eysoldt-Ring zu verleihen.
Ich freue mich total für Sophie, sie hat diesen Preis verdient!

Gab es noch viele andere Schauspieler*innen in der engeren Auswahl?

Wir haben unsere Jury-Aufgabe sehr ernst genommen und viel über die grundsätzliche Ausrichtung der Theater diskutiert und dabei sind viele andere Namen gefallen, aber irgendwie sind wir immer wieder auf Sophie Rois zurückgekommen.

In ihrer Jury-Begründung ist von Sophie Rois’ langjährigem Bekenntnis zum Ensembletheater die Rede. Können Sie unseren Schülern und Lesern kurz erklären was der Begriff „Ensembletheater“ bedeutet? Was macht Ensembletheater aus?

 Theater ist eine Gemeinschaftsunternehmung. Der einsamste Mensch ist die Regisseurin, der Regisseur, wir können allein gar nichts tun. Ein Schauspieler kann wenigstens im Wohnzimmer allein einen Monolog halten, das ist dann aber minder interessant.
Um etwas zu lernen und um sich selbst und der Welt auf die Spur zu kommen braucht man das Gegenüber. Ensembletheater bedeutet auch ein Bekenntnis zu einer Institution, ein Bekenntnis zu einer Stadt in der man lebt. Auch wenn das Wort Stadttheater heute manchmal verpönt ist und nach Provinz klingt, Theater ist erstmal provinziell und lokal. International wird es nicht alleine dadurch, dass man von New York bis nach Moskau reist. International wird es, wenn viele Menschen am Theater partizipieren und ihren Geist flattern lassen. Das ist es, was das Theater zu einem großen Gedanken macht.

Ensembletheater muss sein, um der Kultur der Unverbindlichkeit zu begegnen, die heute überall gelebt wird. Der Mensch ist unterwegs, ist mobil und dynamisch und damit auch unverbindlich. Theater heißt aber Verbindlichkeit, heißt Auseinandersetzung, heißt bereit sein zum Krach, zum Streit, aber auch bereit zu sein, dem zuzuhören, was andere zu sagen haben. In einem Ensemble kann man etwas lernen über sich und über andere.

Sie sind zum ersten Mal in der Jury für den Eysoldt-Ring tätig. Gab es ein besonderes Erlebnis in diesem Prozess an dem Sie uns teilhaben lassen wollen?

Ich erinnere mich vor allem an die Stimme von Sophie Rois als ich ihr am Telefon mitteilen durfte, dass sie diese Auszeichnung erhält. Die charakteristische Stimme von Sophie. Manchmal klingt ihre Stimme wie die Bremsspur von einem Jeep, vor allem wenn sie sich freut. Und gerade kommt mir in den Sinn, wie schön das war und was für ein besonderer Moment, dass ich ihr das sagen durfte.

Wie wichtig ist es in Zeiten der Gleichberechtigungsdebatte den Preis einer Frau zu überreichen? Hat das bei der Auswahl eine Rolle gespielt?

Ja, das hat es. Ich bin seit dreißig Jahren am Theater und habe gerade noch so die Ausläufer der wirklich großen Machos in leitenden Funktionen erlebt. Damals war es selbstverständlich, dass ebendiese Typen alles beherrschen und man sich ihnen merkwürdigerweise – immer wieder zu Füßen geworfen hat. Dabei geht es nicht um den Wert der Kunst des jeweiligen Machos, ich benenne hier die Dynamik des Umgangs miteinander und mit Frauen, egal welchen Alters.

Ich bin Jahrgang 1963 und nicht in die Selbstverständlichkeit geboren worden, als Frau am Theater, wie es für viele junge Frauen heute mit Mitte Zwanzig ist, die sich hinstellen und sich trauen zu sagen: „wir haben genug von diesem Herrenclub!“
Deshalb ist die Entwicklung, die sich durch die aktuelle Debatte z.B. nach gleicher Bezahlung, ergibt ganz, ganz wichtig.

Ich leiste ein klein wenig Pionierarbeit, da ich seit fast zehn Jahren ein Theater leite, was nicht viele Frauen bisher machen konnten.
Es muss eine Selbstverständlichkeit sein, dass wir gleich bezahlt werden und heute im Jahr 2018 darüber nicht mehr andauernd nur diskutieren.

Gemischtgeschlechtliche Gruppen funktionieren nach meiner Erfahrung hervorragend und das muss unsere Zukunft sein!
Es ist auch ein wenig langweilig, immer diese Herrengrüppchen sich beglückwünschen zu sehen, das interessiert heute auch niemanden mehr. Es ist Zeit, dass wir dazukommen.

Theater ist für mich…

Eine Kunst die immerhin zweieinhalbtausend Jahre alt ist und sich als sehr robust erwiesen hat und das will was heißen.

Schauspieler sind…

Fürchterlich und großartig.

Wir brauchen künstlerische Formen mehr denn je weil…?

…wir sonst an der Digitalisierung verarmen.

Zur Person:
Barbara Frey wurde 1963 in Basel geboren. Sie studierte Germanistik und Philosophie an der Universität Zürich.
Während ihres Studiums spielte sie in mehreren Rockbands. Ihr Regiedebüt gab sie am Theater Basel 1993 mit Die Glasglocke von Sylvia Plath. Danach folgten Aufträge am Nationaltheater Mannheim, am Theater Basel, am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, der Berliner Schaubühne, den Salzburger Festspielen, dem Deutschen Theater Berlin und dem Burgtheater Wien. Seit 2009 ist Barbara Frey Intendantin des Schauspielhauses Zürich, welches sie bis 2019 leiten wird.

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Foto: Anita Affentranger

 

Jurybegründung der Juryvorsitzenden Barbara Frey

„Wunderlicher Alter! / Soll ich mit dir geh‘n? / Willst zu meinen

Liedern / Deine Leier dreh‘n?“ Der letzte grosse Auftritt von Sophie Rois an der Berliner Volksbühne unter der Intendanz von Frank Castorf ist so kraftvoll wie denkwürdig: als Hexe in Castorfs „Faust“-Inszenierung steht sie, flankiert vom Akkordeon spielenden Sir Henry, vor einem weit geöffneten Höllenschlund und intoniert Schuberts „Leiermann“. Dem radikalsten, dunkelsten Lied aus dem „Winterreise“-Zyklus verpasst sie ihren typischen, ureigenen Sound. Eine Mischung aus Rauhbeinigkeit, Verletzlichkeit und metaphysischer Heiterkeit – trotz der besungenen Todeshähe.

Innerhalb einer Monumentalspieldauer von sieben Stunden mag Rois‘ Hexen-Episode im „Faust“ zu ihren kürzeren Auftritten gehören; das ändert freilich nichts an der Intensität ihres Spiels, an ihrer wunderbaren Präsenz und Hingabe.

Sophie Rois spielte ein Vierteljahrhundert als festes Ensemblemitglied an der Berliner Volksbühne und arbeitete dort mit den prägenden Regisseuren Frank Castorf, René Pollesch, Christoph Schlingensief, Christoph Marthaler und Herbert Fritsch. Ihre unbedingte Treue – auch in schwierigen Zeiten – zum Haus und zu ihren Kolleginnen und Kollegen ist unvergleichlich. Sie gestaltete als Bühnenkünstlerin mit ihrer Professionalität, ihrer inhaltlichen Unbestechlichkeit und ihrem ungeheuren Spielwitz eine ganze Epoche am Rosa-Luxemburg-Platz mit.

Ausgehend von Ihrem zauberhaften Auftritt als Hexe im „Faust“, mit dem sie zum Ausklang einer beispiellosen Theater-Ära im deutschsprachigen Raum beitrug – und als ausdrückliche Würdigung für ihr langjähriges Bekenntnis zum Ensembletheater – hat sich die Jury für Sophie Rois als Preisträgerin des Eysoldt-Rings entschieden.

 

 

Beitrag: Marie Helene Anschütz
Foto: Anita Affentranger

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