Schülerkritik: GROUNDED

Die Schülerkritiker des Projekts THEATERKRITIK geben ihre erste Rezension heraus

Es war immer so einfach; die Bösen abknallen, die Guten schützen. Doch 1 ½ Sekunden machen den Unterschied. 1 ½ Sekunden liegen zwischen den Farben Blau und Grau.

Die Schauspielerin Sarah Grunert sorgte am 05.03. 2018, um 20:25, im Stadttheater Bensheim, vor einem gut gefüllten Saal für einen mitreißenden Auftakt der „Woche junger Schauspieler“. Regisseur Anselm Weber vom Schauspiel Frankfurt bot George Brants genau recherchierten Bühnenmonolog „Grounded“ über die Fragwürdigkeit der drohnengestützten Kriegsführung dar und verließ sich ganz auf die Intensität seiner Darstellerin.

Nur eine einzelne junge Frau betritt die fast leere Bühne und wird bald in gleißendes Licht getaucht. Stolz schwärmt sie über ihr Flugzeug, ihre „Tiger“. Sie liebt ihren Beruf der Kampfpilotin. Sie kann im Blau des Himmels ihre Freiheit spüren, macht nicht das typische „Mädchending“, sondern zeigt und liebt Stärke. Boden und Himmel verbindet der Reißverschluss ihres Fliegeranzugs. Bei geschlossenem Reißverschluss ist sie eine Kämpferin. Er ist ihre Rüstung, auf die sie stolz ist. Beim Ablegen ihres Anzugs fühlt sie sich nackt.

Grounded Foto 1 Presse

Foto: Thomas Aurin

Erik, ihr zukünftiger Mann, fliegt auf ihren Anzug samt Inhalt. Es folgen Schwangerschaft, Geburt der kleinen Tochter Samantha, genannt Sam, und Ehe. Die Liebe zu ihrer Familie ist das Lindenblatt ihrer Rüstung, ihre Achillesverse.

Nach der Geburt will sie zu ihrem alten Arbeitsplatz zurück und wieder fliegen. Zu ihrem Entsetzen gelangt sie jedoch von der „airforce“ zur „chairforce“. Bei den „Sesselfurzern“ soll sie 12 Stunden am Tag Drohnen lenken, also am Boden fliegen. „Zum Krieg fahren wir zur Schichtarbeit“, Vorstadthausidylle und Familienanschluss inklusive.

Die Ex-Pilotin bemüht sich um Anpassung. Ihre Vorgesetzten werden nicht müde, ihr zu erklären, welches Geschenk ihr damit gemacht worden ist. Sie darf modernste Waffentechnik einsetzen, ohne Leib und Leben zu riskieren und abends zur Familie nach Hause kommen.
Doch sie wird rasch eingeholt von der langweiligen Routine des grauen Bildschirms, vor dem sie sitzt.

Ihre Welt schrumpft zum Container. Wie alle anderen sitzt sie im Büro, erhält Anweisungen per Kopfhörer und sieht ihr Leben in der Dauerbeschallung verschwinden. Der kaugummikauende 19-jährige Assistent vervollständigt das Bild eines Callcenters.

Aus dem Alltagstrott reißt sie ihre erste echte Kriegssituation. Vor einem Konvoi, dessen Schutz sie per Drohnenbeobachtung garantieren soll, befinden sich verdächtige Gestalten. Sie zoomt mit dem Auge der Drohne heran, sieht Männer, der Kopfhörer spricht die Männer „schuldig“, sie drückt den Knopf, 1 ½ Sekunden später ein lautloses „Boom“. Sie ist über ihnen. Der Tod ist über ihnen. Es ist nicht fair. Die Götter sind in den Kopfhörern.

Die Grenzen zwischen ihrem Leben und dem Bildschirm verschwimmen zu einem grauen Brei. Um ihre kleine Tochter samt rosa Ponys zu sehen – rosa ist gut – muss sie das Licht einschalten.

Die Pilotin soll die Nummer 2 der Terroristenszene jagen. Der Einäugige wird durch schwebende Augen verfolgt, doch mehrfach verfehlt, weil er sich gut versteckt. Vom Jagdfieber gepackt, steigert sie sich immer weiter hinein. Endlich macht er einen Fehler und besucht seine Familie. Er steigt aus dem Auto, ein kleines Mädchen läuft auf ihn zu. Ein kleines Mädchen wie ihres. Sie sieht Sam und kann den Knopf nicht drücken. Sie hört die Stimmen der Götter, doch sie kann „Sam“ nicht töten.

Sarah Grunert zeigt das Zerbrechen ihrer Bühnenfigur hautnah. Aus der starken Kampfpilotin wird ein am Boden zerstörtes menschliches Wesen. 1 ½ Sekunden haben dafür ausgereicht. Das Auge der Zuschauer sieht ihr nacktes Gesicht in Nahaufnahme auf einer riesigen weißen Leinwand ganz in grau.

Dann senkt sich der Vorhang. Gebannt und gefesselt von der mitreißenden Darbietung der Schauspielerin, ist das Publikum erst in Schockstarre und bedankt sich dann mit lang anhaltendem Applaus.

 

Maari Freese, Charlotte Sturm, Carla Fuchs und Leo Reißler (LK Deutsch, Q 2, AKG)

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