GROUNDED – Vorerwartungen zur Woche Junger Schauspieler

Hier erscheint heute der erste Schülerbeitrag im Rahmen des Schülerprojekts THEATERKRITIK – heute schreibt Leo Reißler aus dem Deutsch-LK Klasse des Kurfürstlichen Gymnasiums Bensheim.

Ein Knopfdruck und BUMM, schon zerfetzt eine Explosion das, was sich da eben im Fadenkreuz noch so munter des Terroristendaseins erfreut hat. Auftrag erledigt, taktischer Rückzug. Wie aber fühlt sich das sowieso schon unpersönliche Töten an, wenn ich nicht mal mehr im Cockpit sitze, um es zu tun? –

Die Woche junger Schauspieler hat begonnen. Seit 1996 begeistern junge Schauspieler/innen ein breit gefächertes Publikum im Bensheimer Parktheater. Die Kooperation zwischen der Stadt Bensheim, der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste und der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen ist inzwischen fest im traditionellen Jahresablauf der Stadt Bensheim verankert. Auch dieses Jahr wird die Woche junger Schauspieler wieder von überregionalen und sogar einem internationalen Ensemble bereichert.

Die Auftaktveranstaltung findet am 05. März 2018 um 19:00 Uhr im Parktheater statt. Hermann Beil und Marlene Schäfer, zwei der drei für die Auswahl der Stücke Verantwortlichen, stellen im Diskurs mit den Akteuren das Programm vor. Um ca. 20:15 Uhr schließt das erste Stück an, das mit 50 Minuten Umfang offiziell die Woche junger Schauspieler eröffnet.

Das Ensemble des Schauspiels Frankfurt präsentiert „Grounded“, ein Stück des amerikanischen Autors George Brant.

„Grounded“ wird im sogenannten „Kammerspielformat“ aufgeführt. Das Stück besteht aus einem Monolog einer amerikanischen Kampfpilotin (gespielt von Sarah Grunert), die nach abgeschlossener Elternzeit in den aktiven Dienst zurückkehrt und sich statt auf den Sitz eines Kampfjets zur „Chairforce“ versetzt, „grounded“, sieht. Statt mit einer bemannten Kriegsmaschine, soll sie jetzt aus sicherer Entfernung mit einer Drohne töten. Statt die Beschleunigung zu spüren, die jeder Knopfdruck, jede kleinste Bewegung am Steuerknüppel bedeuten kann, während man das unschuldige Blau des Himmels über sich und das Geschehen unter sich erfasst, bedient sie jetzt einen „Vogel ohne Augen“, eine Maschine, die einen Menschen nur noch braucht, um ihn auf Entfernung zur Gefahr zu halten, nicht aber, um ihn zu schützen.

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Der Monolog der Pilotin lässt tief blicken. Allein, dass sie reflektiert, erscheint für den Soldatenberuf untypisch. Diese Tatsache sagt viel über ihr Selbstverständnis aus, das auch in Form der Selbsteinordnung zwischen „Kämpfer“ und „Mörder“ auftritt. Symbolisch steht die Auseinandersetzung mit der Problematik anhand eines Einzelschicksals für die Folgen des wissenschaftlichen Fortschritts im Militär und seine psychologischen Auswirkungen in der Kriegsführung. Die Distanz, die diese „Digitalisierung“ zwischen Soldat und „Feind“ schafft, steht sozusagen zur Diskussion. Auch das Selbstbild eines Soldaten könnte hierbei eine Rolle spielen. Der Selbstanspruch eines Soldaten ist doch die Fähigkeit zur freien Entscheidung. Töte ich, oder töte ich nicht? Im direkten Kampfgeschehen mag die Schuld, die mit dem Töten einhergeht, mit „Notwehr“ gerechtfertigt werden. Ganz anders ist es, wenn ich einen Kampfjet fliege und einen Knopf drücke. Die Distanz lässt mich wissen, dass die Wahrscheinlichkeit meines eigenen Todes extrem gering ist, gewährt mir also eine gewisse Sicherheit. Wenn ich aus einem Kampfjet heraus töte, trifft der Tatbestand der Notwehr nur noch insofern zu, als sich das Risiko, selbst getötet zu werden, aufgrund der zu vermutenden Ausrüstung meines „Feindes“ nicht ausschließen lässt.

Die Kriegsführung mit Drohnen hingegen reduziert diese Wahrscheinlichkeit auf ein Minimum, um nicht zu sagen, auf Null. Die Rechtfertigung eines Angriffes, dass ich nämlich so überzeugt von der Richtigkeit meiner Sache bin, dass ich meinen Tod dafür in Kauf nehme, entfällt. Ich werde also vom „Kämpfer“ zum „Mörder“.

Die Reflexion dieser technischen Möglichkeiten lässt sich auf verschiedenen Ebenen fortsetzen. Das Szenario von George Brant bietet viele Perspektiven an. Von dem Selbstanspruch des Soldatenberufs über die Unpersönlichkeit des Tötens bis zu den sozialen Auswirkungen der Digitalisierung wird nahezu jede Problematik behandelt, die den Nerv der Zeit trifft.

Von „Grounded“ kann erwartet werden, dass es die „Expertenmeinung“ über die zum Diskurs stehenden Themen aus „erster Hand“ vermittelt. Das Stück regt allein in seiner Präsentationsform zur innerlichen Auseinandersetzung an und erzeugt im Zuschauer das Begehren, vom Monolog zum Dialog überzugehen.

Auch vor dem Hintergrund des US-Militärstützpunktes in Ramstein, dem zentralen Knotenpunkt des US-geführten Drohnenkriegs in Afrika und dem Nahen Osten, und seiner nahezu gleichgültig erscheinenden Duldung von deutscher Seite, bekommt die Thematik des Stücks eine ganz neue Bedeutung.

„Grounded“ – das Panoptikum der Welt für Soldaten, Gesellschaftskritiker und verantwortungsbewusste Bürger – und solche, die es werden wollen.

Leo Reißler, LK Deutsch Q 2

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