WER IST WIR? Carola Hannusch

Heute stellen wir Euch ein neues Mitglied unseres Auswahlgremiums für die WOCHE JUNGER SCHAUSPIELER*INNEN 2019 vor. Die Dramaturgin Carola Hannusch.

Carola Hannusch studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, Germanistik und Anglistik in Bochum. Sie war zwei Spielzeiten lang Schauspieldramaturgin an der Landesbühne Niedersachsen Nord in Wilhelmshaven und wechselte 2002 in gleicher Funktion ans Hessische Staatstheater Wiesbaden. Dort war sie seit der Spielzeit 2007/08 zudem Mitglied der Schauspielleitung. Zur Spielzeit 2010/11 wechselte sie ans Schauspiel Essen und ist dort seitdem als Dramaturgin und Mitglied der künstlerischen Leitung tätig.Seit 2014 unterrichtet sie Theatergeschichte an der Folkwang Universität der Künste in Essen.

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Foto: Albi Fouché

Auch Carola haben wir unsere drei obligatorischen Fragen über Theater gestellt.
Hier kommen ihre Antworten:

  1. Theater ist für mich politisch, zeitgemäß und lebendig.
  2. Schauspieler sind Spieler, Denker und Macher, Künstler und Handwerker, Perfektionisten und Improvisierer, 1000 Andere und immer sie selbst, fremd und authentisch – kurz: Herz und Motor einer Theaterinszenierung.
  3. Wir brauchen künstlerische Formen mehr denn je, weil unsere Gegenwart immer unübersichtlicher wird. Direkte Kommunikation verläuft zunehmend gestört, wird von Hass, Vorurteilen und Lügen geprägt. Eine künstlerische Umsetzung bzw. Übersetzung kann helfen, unsere Gegenwart besser zu verstehen – oder zu ertragen.

 

Foto: Albi Fouché

 

Auf nach Bensheim!

Wir sind zurück aus der Sommerpause und bereiten die nächste Woche Junger Schauspieler*innen vor.

Im März 2019 findet zum 24sten Mal die „Woche junger Schauspieler*innen“
im südhessischen Bensheim statt. Das Festival, das 1996 von Günther Rühle gegründet wurde, ist ein Festival der Schauspielkunst und legt den Fokus ganz auf das Können der jungen Darsteller*innen.
Der mit  3.000,- EUR dotierte „Günther-Rühle-Preis“ zeichnet die beste schauspielerische Leistung im Rahmen dieses Festivals aus.

Schauspielausbildung und –arbeit unterliegen seit geraumer Zeit einem enormen Anforderungs- und Profilwechsel. Vom psychologischen Kammerspiel bis zur Performance, von individueller Gestaltung bis zur chorischen Perfektion, von Einfühlung bis zur (epischen) Distanzierung, vom Verkörpern klassischer Dramenfiguren bis zur Autorenschaft – das Spektrum junger Schauspielkunst ist im steten Wandel.
Es ist nun das Anliegen der “Woche junger Schauspieler*innen”, fünf repräsentative Beispiele für gegenwärtige Spielweisen und Entwicklungen junger Schauspielkunst aufzuspüren. 

Prof. Dr. Dagmar Borrmann (Ausbildungsdirektorin Schauspiel HfMDK,  Frankfurt), Carola Hannusch (Dramaturgin, Theater Essen) und Marlene Anna Schäfer (freie Regisseurin),  stellen das Festivalprogramm zusammen und sichten ab sofort bis Ende November 2018 mögliche Vorschläge von Theatern, Schauspielschulen und der freien Szene.

 

Die Rahmenbedingungen:

–  die tragenden Rollen sind mit jungen Schauspieler*innen unter 30 Jahren besetzt,

–  die Gesamtkosten für ein Gastspiel betragen max. 5.000,- EUR (inkl. Übernachtungen, Transporte etc.),

– das Gastspiel kann im März 2019 an einem der folgenden Termine im Parktheater Bensheim gezeigt werden:  6. – 11., 13., 14., 17. – 29. und 31.

– es kann mit den technischen Gegebenheiten vor Ort realisiert werden: http://www.stadtkultur-bensheim.de/parktheater/sitzplan-hinweise-buehnenplaene/hinweise-fuer-veranstalter-buehnenplaene/plaene/

Wir freuen wir uns auf Vorschläge/ Einreichungen mit folgenden Unterlagen:

–          Besetzungsliste

–          Kurze Erläuterung zu Konzept und Idee

–          Presseberichte (falls vorhanden)

–          Evtl. Aufführungstermine für Sichtungen im Oktober/November und/oder

–          eine Aufzeichnung der Inszenierung auf DVD (3 Ex.) oder per download/Link

 

Entweder per Mail an: akademie@darstellendekuenste.de oder per Post an:
Deutsche Akademie der Darstellenden Künste, Holzstr. 2, 64283 Darmstadt

 

Veranstalter der „Woche junger Schauspieler*innen“ ist die deutsche Akademie der Darstellenden Künste gemeinsam mit der Stadt Bensheim, der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, der Sparkasse Bensheim und dem Land Hessen.

 

Foto: Parktheater Bensheim

Zuschauerbefragung nach DER GUTE MENSCH VON SEZUAN

Anh Vi Rauwolf vom Kurfürstlichen Gymnasium hat im Rahmen des Schülerprojekts THEATERKRITIK eine Umfrage gestartet. Nach der Vorstellung des Gastspiels DER GUTE MENSCH VON SEZUAN der Schaubühne Berlin sprach sie mit Zuschauern.

In der Woche Junger Schauspieler begeisterten neun Schauspielstudenten der Schaubühne Berlin auf der Bühne des Bensheimer Parktheaters das Publikum mit einer außergewöhnlichen, dynamischen Inszenierung Bertolt Brechts “Der gute Mensch von Sezuan”.

In der chinesischen Provinz Sezuan begeben sich drei Götter auf die Suche nach einem guten Menschen. Die Prostituierte Shen Te nimmt sie für eine Nacht auf, wodurch sich bereits ihre herzensgute Art bemerkbar macht. Von der Belohnung der Götter kauft sie sich einen Tabakladen, der ihr eine Existenz jenseits von Prostitution bieten soll, muss aber schnell bemerken, dass ihr ihre großzügige Art zum Verhängnis und sie Sklave der Ausbeutung wird.

Das Parabelstück wirft die Frage auf, ob es überhaupt möglich ist, bei moralisch aufrechtem Verhalten in einer von Egozentrik geprägten und kapitalistischen Gesetzen unterworfenen Gesellschaft zu überleben und gleichzeitig ein guter Mensch zu sein.

Auf die Frage, ob es vorstellbar wäre, von den Göttern als ein “guter Mensch” bezeichnet zu werden, reagierten einige Zuschauer wie folgt:

„Ich glaube nicht. Es gibt niemanden, der wirklich einfach rein gut ist. Ich würde mich nicht undbedingt als schlechten Menschen bezeichnen. Ich halte mich aber für jemanden, der auch mal ganz gut handeln kann, aber ich glaube einfach nicht, dass es möglich ist, die ganze Zeit gut zu handeln. Letztendlich ist genau das ja auch Thema des ganzen Stückes, dass Brecht die Frage stellt, ob es möglich ist, in unserer Welt gut zu handeln.”

„Schwierige Frage. Mal Ja, mal Nein. Man denkt dann oft zu sehr an sich selbst, nicht an die Anderen.”

 

„*Lacht* Hier nach Brecht, nach dem Stück, ist es schwierig, gut zu sein und gleichzeitig zu leben.“

 

„Ich habe gerade keinen guten Auftrag zu erfüllen, um ein guter Mensch zu sein.“

 

„Oh nein, ich denke, dass es ein Widerspruch in sich ist, ein guter Mensch zu sein. Ich denke, dass zum Menschsein immer dazugehört, dass man nicht per se gut oder schlecht ist. Wobei diese philosophische Frage nicht weiter erörtert werden muss.“

 

Beitrag: Anh Vi Rauwolf
Foto: Schaubühne Berlin

 

 

Schülerkritik ELLBOGEN

Heute gibt es wieder eine Rezension aus der Feder zweier Schüler unseres Schülerprojekts THEATERKRITIK. Die Schüler des Kurfürstlichen Gymnasiums Bensheim haben sich mit der Düsseldorfer Inszenierung ELLBOGEN befasst.

„Ich bin doch kein Opfer du Fotze!“ Dieser Satz fällt am Dienstagabend im Bensheimer Parktheater nicht nur einmal. Denn dort führte das Düsseldorfer Schauspielhaus im Rahmen der „Woche junger Schauspieler“ die erste Gastspiel von Ellbogen auf, dem Debütroman der taz-Redakteurin Fatma Aydemir, in dem wir Hazal, einer jungen Türkin aus Berlin Wedding, auf ihrer verzweifelten Suche nach Identität und Zugehörigkeit begleiten, mit ihr lachen, leiden und sie zu verstehen versuchen.

Der am Anfang stehende Satz ist exemplarisch für die schonungslose Brutalität, mit der Ellbogen die soziale Realität der aus fehlgeschlagener Integration und gesellschaftlicher Ausgrenzung entstandenen Parallelgesellschaft beschreibt, in der Hazal aufwächst. Ihre islamisch-konservative Familie und die Verachtung, die ihr tagtäglich auf den Straßen Berlins entgegenschlagen, bestimmen ihr Leben. Einen richtigen Job hat sie, trotz zahlreicher Bewerbungen, nicht; zur Schule geht sie schon lange nicht mehr. Die allgegenwärtige Hoffnungslosigkeit ihrer Welt, in der es unmöglich scheint, eine geregelte Bahn einzuschlagen, liegt drückend über allem. Einen Ausweg aus allem findet Hazal nur bei ihren Freundinnen, Elma, Gül und Ebru, mit denen sie kifft, shoppen geht und die Nächte durchmacht, oder im Internet, bei ihrer Online-Bekanntschaft aus Istanbul, Mehmet.
Die Handlung beginnt kurz vor ihrem achtzehnten Geburtstag, an dem Hazal eigentlich nur mit ihrer Clique feiern möchte, um ein wenig vor ihrer neu gewonnen Freiheit zu fühlen, oder sich zumindest für eine Nacht dem Zugriff ihrer Eltern zu entziehen. Doch was als eine Nacht voller Spaß und Drogen anfängt, kippt abrupt, als die Mädchen von der Tür eines angesagten Nachtclubs abgewiesen werden. Auf einen Schlag entladen sich der ganze Frust, die Ungerechtigkeit und die Gewalt, die die Mädchen Jahre lang erlebt haben in einem einzigen Moment und die Freundinnen begehen ein grausames Verbrechen. Es wirkt wie ein Aufschrei, die zwingende Konsequenz aus ihrem vorgeschrieben scheinenden Lebenslauf.

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(c) Lucie Jansch

Regisseur Jan Gehler inszeniert das mit präzisen Mitteln, es gelingt ihm, die Brutalität der Thematik nicht nur im Sprachlichen, sondern in jeder Phase des Stücks widerzuspiegeln. Das minimalistische Bühnenbild wirkt hier besonders gut, da die wenigen genutzten Mittel so noch eindringlicher sind. Ob gleißendes Licht, Techno-Musik oder ein tiefes Dröhnen, das unheilvoll aus den als Podest übereinandergestapelten Lautsprechern klingt. Gehler versteht es, beim Zuschauer immer genau die richtigen Emotionen hervorzurufen, damit das Stück auf der Bühne funktioniert.
Den bei weitem größten Anteil leisten dabei jedoch die vier jungen Schauspielerinnen, die mit Leichtigkeit von einer Rolle in die andere schlüpfen und vom Dealer aus dem Kiez bis zum Istanbuler Polizeibeamten jede Figur glaubwürdig verkörpern können.
Die vier Frauen wirken wunderbar als Team zusammen – was sie auch müssen, denn in der ersten Hälfte des Stücks übernehmen sie zusammen die Funktion des Ich-Erzählers. Manchmal im Chor, manchmal versetzt oder abwechselnd tragen sie dem Publikum die harten Sätze Aydemirs vor und beweisen dabei außerordentliches Gespür für einander. Ihr Schauspiel funktioniert zusammen, ein Satz fügt sich in den anderen, jede Geste wirkt aufeinander abgestimmt. Nur in seltenen Momenten kommen die vier kurz aus dem Takt und der Zuschauer wird ein wenig aus dem Bann der Inszenierung geworfen.
In der zweiten Hälfte des Stücks, nach der Gräueltat, die Hazal und ihre Freunde begehen, in der Hazal aus Deutschland geflohen ist und Zuflucht bei Mehmet im in ihrer Wahrnehmung utopischen Istanbul sucht, ändert sich jedoch die Erzählweise. Die Regie vollzieht den Bruch, der in der Geschichte und in Hazals Persönlichkeit passiert konsequent und setzt ihn mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln um. Die Musik verschwindet fast gänzlich, das Bühnenbild wird nach hinten gezogen und Hazal wirkt nun sehr einsam und verletzlich. Cennet Rüya Voß‘ die Hazal spielt, bleibt von da an den Rest des Stücks alleine auf der Bühne, sie muss die gesamte Handlung tragen und kann nicht mehr auf die Hilfe ihrer Schauspielkolleginnen zurückgreifen, um dem Zuschauer einen Einblick in Hazals Persönlichkeit zu gewähren und ihm die Möglichkeit zu geben, sie zu verstehen – und das ist nicht einfach. Denn Hazal weigert sich zu bereuen.
Hazal ist nicht bereit, die Schuld an dem begangenen Verbrechen auf sich zu nehmen, sie glaubt nicht, dass sie anders gekonnt hätte, dass irgendjemand anders gekonnt hätte, als zu tun, was sie getan hat.
Voß‘ gelingt es, Hazals Wut auf die deutsche Mehrheitsgesellschaft und letztlich auf die ganze Welt glaubhaft zu spielen und macht es dem Zuschauer so möglich, sich in ihre Lage hineinzuversetzen. Und es zwingt diesen dazu, sich selbst die Frage zu stellen, was er getan hätte. Hätte er anders gehandelt, moralischer, wenn er vergleichbares erlebt hätte?

Letztlich stellt Ellbogen an den Zuschauer dieselben Fragen wie die großen Dramatiker vergangener Zeiten wie Büchner oder Brecht. Kann der Mensch gut sein? Kann er für das verantwortlich gemacht werden, wozu ihn sein Leben und Umfeld gemacht haben?
In Ellbogen werden sie nicht so direkt formuliert wie beispielsweise in Brechts Gutem Menschen von Sezuan, den eine Woche zuvor das Ensemble der Berliner Schaubühne aufführte, doch das müssen sie auch nicht. Das Stück nimmt den Weg über Sprache und Art der Darstellung, um das Publikum nach dem Stück zum Diskurs anzuregen und zu Nachdenken zu bringen. Diese Rechnung geht auf.

 

Kritik von Kevin Fung u. Luc Châtelais
Foto: Lucie Jansch